HOUSE OF HORROR. Theater. Frauen. Macht.

Text von Christine Lang und Volker Lösch. Inszenierung von Volker Lösch am Schauspielhaus Bonn 2019

 

Lucretia, Antigone, Penthesilea, Ophelia, Julie und all die anderen. Die Literaturgeschichte ist voller toter Frauen: vergewaltigt, ermordet, zum Schweigen gebracht. Von Vätern, Brüdern, Liebhabern. Und sie erstechen sich selbst, ertränken sich, springen in Tiefen, sie sterben aus Verzweiflung oder im Wahn. Diese Frauenfiguren und ihre Nachfolgerinnen bevölkern bis heute die Bühnen der Theater, die Leinwände und Bildschirme.

In HOUSE OF HORROR erwecken die Schauspieler*innen alte Rollen zu neuem Leben. Diese Rollen aber beschweren sich: niemand hat sie gefragt, ob sie überhaupt noch gespielt werden wollen... So werden sie zu Klagegeistern, die die Keller und toten Winkel des Theaters bevölkern. Man muss die Untoten erlösen und darauf hören, was sie uns zu sagen haben!

2017 wurden in Deutschland 149 Frauen getötet, meistens von ihrem (Ex-)Partner. So kommt alle zwei bis drei Tage eine Frau um. 114.000 Frauen wurden von ihren Partnern „bedroht, gestalkt, eingesperrt, sie wurden geschlagen, vergewaltigt, verbrüht, gewürgt, mit der Axt oder einem Messer traktiert“ (Der Spiegel). Bezeichnet werden diese Frauenmorde, als wären sie aus dem Theater, als „Familientragödie“ oder „Eifersuchtsdrama“. Aber spricht die hohe Zahl nicht von etwas anderem? Was hat sie zu bedeuten in Zeiten der Gleichberechtigung?

Regisseur Volker Lösch (WAFFENSCHWEINE, NATHAN, BONNOPOLY) und sein Team stellen Fiktion und Realität in Zusammenhang, in dem sie einen Blick auf das Theater selbst werfen. Das Theater – eigentlich ein Ort, an dem die Gesellschaft kritisiert und Utopien entworfen werden können – ist von patriarchalen Machtstrukturen durchdrungen, wie auch andere Institutionen der Stadt. Schauspieler*innen, Frauen wie Männer, sind diesen Strukturen ausgesetzt, im Vorsprechen, bei der Rollenauswahl – und sie zeigen sich in der Höhe der Gagen und Gehälter.

In HOUSE OF HORROR kommen Schauspieler*innen und Bonner Bürger*innen mit ihren Geschichten und Erfahrungen zu Wort, die zurück zu der Frage führen, was das Sterben der Frauen in unserer Literaturgeschichte mit uns heute zu tun hat, und wie wir die Fiktion verändern müssen, um in der Realität etwas zu bewegen.